Das ganze fing so an, dass mein Vater Sommer 1998 in Amerika auf einer Konferenz
war und danach noch etwas rumgereist ist. Mir wurde dann eine Liste mit
Schulen vor die Nase gehalten und ich musste (jetzt finde ich es unverständlich)
erst darüber nachdenken ob ich denn wirklich ein Jahr nach Amerika wollte.
Ich wählte mir eine Schule in Boulder/Colorado aus. Die ganze Sache
zog sich dann ein Jahr hin, irgendwann hatten wir eine Gastfamilie gefunden
und führten einige Stunden Telefonate mit Schule und der Familie.
Da es keinen Austauschschüler für mich gab, wurde ich als
"paying guest" hier angenommen. Das ganze lief auf rein privater
Basis.
Ende der Sommerferien 1999 war es dann soweit. Der Flug ging am 17.08.
ab nach New York, wo ich mich mit meiner Mutter dann noch 5 Tage aufhielt.
Weil man mir hier optimale Trainingsbedingungen fürs Radfahren vorrausgesagt
hatte, hatte ich mein MTB in einen Riesenkarton gepackt und mitgenommen. Das
war anscheinend so ungewöhnlich, dass das ganze Paket in Frankfurt
von RTL gefilmt wurde (keine Ahnung ob es jemals ausgestrahlt wurde). In New York
am Flughafen entlarvte sich das Ding als riesen "Pain in the ass".
Bis wir einen Platz gefunden hatten, wo wir das Bike eine zeitlang
stehen lassen konnten, vergingen schon einige Stunden. Ich kann so eine
Aktion also nicht gerade empfehlen.
Am 23.08. ging dann das Flugzeug weiter nach Denver wo ich dann so um 22:00
Uhr ankam. Ich hatte eigentlich keine Erwartungen für meinen Besuch
und konnte so der Sache einigermaßen gelassen entgegen sehen. Nach
einer Stunde warten kamen dann der Gastvater Thom Schaefer und sein Sohn
Jason mit einem älteren BMW angefahren. Mein erster Eindruck von den
zwei war gut, daran hat sich auch bis jetzt noch nicht geändert.
In ca. einer Stunde Fahrt von Denver nach Boulder wurde mir die ganze
Landschaft erklärt. Das Haus sah auch gut aus und ich bekam einen
eigenen Raum zugewiesen. Es waren noch zwei Tage Ferien und am zweiten
Tag baute Sohn Jason mit einem Honda bei dem die Kupplung kaputt war
einen ordentlichen
Unfall
indem er 5m vor einem Auto links abbog. Mir
passierte eigentlich außer einem Riss in der Hose nichts aber
Jasons Freundin hatte eine Gehirnerschütterung. Ich muss auch
noch anmerken, dass ich eine Ladung chinesisches Essen im Schoß hatte
und wir und das ganze Auto dann damit tapeziert waren. Am nächsten
Tag ging dann die Schule los. Achja, ich habe es noch garnicht erwähnt,
es ist die "Shining Moutain Waldorf High School." Ich konnte
schon von einem Aufenthalt 1995 in Süd Afrika etwas Englisch und hatte
so keine großen Probleme mitzukommen. Die Leute die ich bis dahin so
getroffen hatte, waren offen für Besucher und ich hatte dann nach ein
paar Wochen ganz gute Freunde. Außer mir waren noch 8(!) andere
Austauschschüler in der Schule, 5 davon in meiner Klasse und 6 von
uns waren Deutsche. Die meisten waren mit Organisationen hier und genau
die wechselten auch die Familien. Ein Beispiel war Bettina, die auf keinen
Fall auf einen Bauernhof wollte und dann genau dort gelandet war. An der
Stelle empfehle ich also, sowas auf privater Basis zu organisieren. Der
Extra Aufwand lohnt sich.
Nach einer Woche Schule hatte ich mich ganz gut eingelebt und mich an die
meisten Unterschiede zu Deutschland gewöhnt. Viele interessante
Ereignisse gab es eigentlich nicht mehr, ich kam eben in einen Alltagstrott.
An Wochenenden ging ich entweder Radfahren oder in die Stadt. Parties gab
es entweder keine oder ich bekam es nicht mit. Ab und zu gab es kleine
Besäufnisse, aber Parties wie in Deutschland gab es nicht. Weil
es hier das Besch... Gesetz gibt, dass man erst an Alkohol kommt wenn man
21 ist, musste man entweder irgendwas per "Shoulder tapping" beischaffen
oder es wurde gekifft. Weil ich da drauf keinen Bock hatte, war es manchmal
etwas lahm. Leider
ist auch amerikanisches Bier nicht mit deutschem zu vergleichen.
Damit konnte ich dann aber nach einer Zeit auch leben.
Einen Laptop hatte
ich mir natürlich auch beschafft und so hatte ich bei Auftreten von
Langeweile etwas zu tun, wie zum Beipiel diese Homepage zu erstellen.
Der Internetzugang ist hier kostenlos und so fing ich an, alle
10 min. meine mails abzurufen, Gigabytes an Programmen runterzuladen und
das Internet eben allgemein viel mehr zu benutzen. Ich richtete mir dann
mit Jason eine Arbeitsstation im Wohnzimmer ein und wir konnten uns dann
immer gegenseitig mit html-Tags usw. helfen. Ein großes Thema waren die
Viewbars, die unten am Bildschirm Werbung anzeigen und man dafür
Geld bekam. Die Dinger fanden heraus, wenn man ca. 3 min. nicht die
Maus bewegte und schalteten sich ab. Für diesem Zweck machte ein simples Programm, das den Cursor in Bewegung hielt und man konnte einfach über Nacht Online
bleiben und Geld verdienen. Dieses Programm fand sich dann bald auf sämtlichen
Computern im Umkreis.
An Weihnachten gings dann für ein paar Wochen zurück nach Deutschland.
Nachdem ich wieder zurück war, waren die meisten
Austauschschüler verschwunden. Florian war neu angekommen und der einzige
Deutsche den ich kannte. Inzwischen war dann jedes Wochenende
was los und auch an Schultagen gingen wir ab und zu auf kleine Parties,
zum Gram meines Gastvaters, der Lehrer auf der Schule ist und uns dann immer
beim Einschlafen zuschaute.
Die Skisaison war voll im Laufen und eine Stunde weg war das Skiresort
Eldora, die Pisten waren Schwarzwaldmäßig aber der Preis für
ein Lifttiket für einen Tag waren stolze $38 was bei dem derzeitigen
Wechselkurs ziemlich exakt 76 DM sind. Eldora sollte aber eines der günstigen
Skigebiete sein. Die Bestätigung hierfür gabs in Aspen wo ein
Lifttiket $50 also 100 DM kostete! Die Pisten dort waren natürlich erstklassig
geglättet und es gab einen absolut coolen Snowboard Park. Ich hatte
es vorgezogen mir Skier aus Deutschland mitzunehmen, was in einer entsprechenden
Verpackung auch kein Problem war. Vorher konnte ich für einen Tag
Skier leihen $24 hinlegen.
So langsam kam mir dann auch der Führerschein wieder ins Gedächtnis
und ich ging zum entsprechenden Amt. Meine notarlich beglaubigte Erlaubnis,
meine Geburtsurkunde und meinen Pass hatte ich in der Tasche, nur leider
fehlte ein gewisses Blatt Papier, das sich I-94 nennt. Ich muss mich auch
noch bei einer Fahrschule anmelden, weil man mit privaten Fahrstunden, die
kostenlos sind, sechs Monate braucht und ich nur noch ca. 2 Monate hier bin
und man mit einer Fahrschule den Schein schon nach zwei Wochen in den Händen
hält. Die Summe aller Kosten schätze ich auf ca. $200, ohne Fahrschule
wärens $35! Da lohnt sich doch der Aufenthalt. Wenn ich damit fertig bin,
werde ich noch ein paar mehr Informationen dazu geben.
*4 Monate später*.
Ich sitze jetzt wieder zuhause und mache meinem Führerschein doch in DE
für teures Geld. Es scheiterte letztlich am Formblatt I-94. Ich
hätte es mir zwar angeblich in Denver nachmachen lassen können
aber mir war das ganze dann doch zu umständlich.